Im Grunde
erwuchsen die Formen sowohl des bewaffneten als auch
des unbewaffneten Nahkampfes in Japan aus drei Gründen.
Zum Einen war die Geschichte Japans schon immer durch
Kriege gezeichnet in welchen die Kampfkunst effektiv
eingesetzt werden sollte, zum anderen gehörte
es von je her zur japanischen Kultur sich zu duellieren
und aktiv im Zweikampf seine Kräfte mit anderen
Kriegern zu messen. Des Weiteren ist der Grundsatz
der Einheit von Körper und Geist, die durch Kampfkünste
herantrainiert werden soll, tief in der japanischen
Shinto-Religion und dem von den Chinesen übernommenen
Buddhismus verankert.
Aus diesen
Gründen kam es im Verlauf der japanischen Geschichte
zu einer Entwicklung eines breiten Spektrums von Kampfkünsten;
den sogenannten Budo-Künsten oder auf Deutsch
den "Wegen des Krieges". Unterrichtet wurden
sie hauptsächlich an fürstlichen Schulen
(Ryu), um durch die Ausbildung der Samurai (Diener)
bei Hof für die Sicherheit des Landesherren sorgen
zu können. Später jedoch wurden die großen
Schulen der Kampfkunst auch für die Öffentlichkeit
freigegeben. Es zeigte sich, dass besonders die Kunst
des Ju-Jutsu sehr effektiv und beliebt wurde, da sie
sowohl Schlag- und Tritttechniken, als auch Würfe,
Hebel- und Würgetechniken umfasste, was sie wohl
zur umfangreichsten der Kampfkünste machte. In
den relativ friedlichen Jahren zwischen 1650 und 1860
wurde sie stetig weiterentwickelt und perfektioniert,
bis es schließlich durch einen Mann völlig
revolutioniert werden sollte.
Am 28. Oktober
1860 wurde Jigoro Kano, der im Verlauf seines Lebens
starken Einfluss auf die Entwicklung der Budo-Künste
nehmen sollte, nahe Kobe als Sohn eines Sakebrauers
geboren. Er war selbst für japanische Verhältnisse
außergewöhnlich klein und schmächtig,
doch es stellte sich heraus, dass er überaus
intelligent, hochbegabt und wider Erwarten auch ein
zäher und ehrgeiziger Sportler war, der sich
zwar vorerst nur für westliche Sportarten, wie
Baseball und Rudern interessierte, doch später
,während seines Studiums von Politik, Wirtschaft,
Erziehung und Philosophie, auch ein eifriger Schüler
der Tenjinshin-Ryu für Ju-Jutsu wurde. Wie für
viele Schulen dieser Zeit war es auch an der Tenjinshin-Ryu
üblich hauptsächlich Schlag- und Tritttechniken,
sowie das Würgen zu lehren und nur peripher auf
die Wurftechnik einzugehen. Dieses Wissensspektrum
wurde zu dieser Zeit fast ausschließlich durch
äußerst strenge Kata-Lehrmethoden vermittelt,
womit Eigeninitiative der Schüler fast vollständig
ausgeschlossen wurde.
Aufgrund dieser
offensichtlichen Mängel wechselte Kano auch ,nachdem
er seiner Meinung nach alles gelernt hatte, was man
ihm an der Tenjinshin-Ryu lehren konnte, auf eine
zweite Schule für Ju-Jutsu, nämlich der
Kito-Ryu. Dort wurde neben den sturen Methoden des
Vorführens und Nachmachens auch eine zu dieser
Zeit sehr innovative Art des Unterrichts erstmals
durchgeführt. Die Schüler mussten sich erstmals
im Randori aktiv gegen einen Feind, der keinem vorgegebenen
Schema folgt, durchsetzen. Das Ran steht hierbei für
Kampf, beziehungsweise Aufruhr und sollte speziell
die damals unterdrückte Kreativität der
Schüler fördern.
1881 beschloss
Kano schließlich alle, ihm nach, wichtigen Faktoren
in einer eigenen Form des Ju-Jutsu und somit in einer
eigenen Schule zu vereinen, die er Kodokan, zu deutsch
Halle zum Studium des Weges, nannte. So eröffnete
er sein erstes Dojo im Februar 1882 im Eishoji in
Tokyo, wo ihm eine Fläche von 20 qm und 12 Tatami
zur Verfügung standen. Auch der ehemalige Name
Ju-Jutsu schien Kano nicht mehr angemessen, weshalb
er ihn durch Judo ersetzte.
Ju Prinzip
des Nachgebens, der Biegsamkeit, der Geschmeidigkeit
Do Weg, Lebensprinzip
Die Kampfkunst
war für Kano nicht mehr bloß das: eine
KAMPF-Kunst, sondern vielmehr eine Form der körperlichen,
seelischen und vor allem moralischen Erziehung. Nach
mehreren der damals fast alltäglichen Wettkämpfe
zwischen den verschiedenen Ryu zeigte sich jedoch,
dass das Judo, welches bis dahin lediglich aus Schlägen,
Tritten und Würfen bestand ohne angemessene Bodentechniken
nicht mit den restlichen Schulen Japans Schritt halten
konnte. So wurden auch erstmals Haltegriffe, Würge-
und Hebeltechniken ins Judo aufgenommen. Ebenfalls
1882 stellte Kano erst mal seine Nage no kata (Form
des Werfens) in ihrer Urform vor, die letztendlich
nach weiterer Bearbeitung im Jahr 1887 mit den restlichen
vier Kata ins Programm des Kodokan aufgenommen.
Dieses bestand
schon zu dieser Zeit aus:
Nage-Waza
Wurftechniken
Atemie-Waza Falltechniken
Osaekomi-Waza Haltetechniken
Shime-Waza Würgetechniken
Kansetsu-Waza Hebeltechniken
(keine Übersetzung) Schlagtechniken
Kata formale Übungen
Kappo Erste Hilfe
Mondo Judo-Theorie
Ko Vorträge
Noch im selben
Jahr besuchte Kano alle erreichbaren Schulen für
Ju-Jutsu Japans und schaffte es, nahezu alle, zum
Anschluss an den Kodokan zu bewegen. Nur zwei Jahre
später gehörte Judo bereist zum Standardprogramm
der kaiserlichen Marine-Akademie und Kano wurde durch
die Regierung mit seiner ersten - von sehr vielen
- Auslandsreise betraut. Nach seiner Rückkehr
1893 wurde er Präsident eines Kollegs in Kumamoto,
wo er die Bekanntschaft eines Lehrers für englische
Literatur namens Lafcadio Hearn machte. Dieser war
es der noch im selben Jahr in London einen der ersten
Zeitungsberichte über Judo veröffentliche
und dieses auch 1895 in sein Buch "Out of the
East" einfließen ließ. Von 1894 bis
1904 wurde sogar der amerikanische Präsident
Theodor Roosevelt von Yamashita in Judo unterrichtet.
1895 und 1896 wurde durch den Kodokan letztendlich
die Gokyo no kaisetsu eingeführt, in der alle
bis dahin anerkannten Judotechniken aufgeführt
waren.
Nach den Kriegen
gegen China und Russland, Ende des 19. und zu Beginn
des 20. Jahrhunderts, begann man sich in Japan wieder
auf die alten Werte und Traditionen zu besinnen, wodurch
auch die Kampfkünste wieder im Kurs anstiegen.
Das Dojo des Kodokan hatte sich in der Zwischenzeit
nach Shimotomizaka verlagert und umfasste mittlerweile
gut 200 Tatami. Im Jahr 1899 wurde Kano zum Präsidenten
des Butokukai ernannt und die ersten Wettkampfregeln
für offizielle Meisterschaften konzipiert, sowie
die ersten Kampfrichter eingesetzt. 1909 war es schließlich
soweit und Judo wurde durch das internationale, olympische
Komitee (IOC) als Sport anerkannt und Kano zum Präsidenten
der japanischen Gesellschaft für Körpererziehung.
Nur 14 Jahre später, 1923, konnten schließlich
auch erstmals Frauen im Kodokan die Wege des Judo
lernen und wurden im November 1926 in einer offiziellen
Frauenabteilung aufgenommen. Mitte der 30er konnte
der Kodokan einmal mehr expandieren und so wurde ein
neues Dojo in Kasugacho eröffnet.
Am 4. Mai
1938 verstirbt der damals 78jährige Jigoro Kano
auf hoher See, während der Rückreise von
einer IOC-Sitzung in Kairo. Doch auch nach seinem
Tod hat sich der Judosport stetig weiterentwickelt
und so wurden 1956 in Tokyo die ersten Weltmeisterschaften
ausgetragen und nur ein Jahr später in drei offiziellen
Gewichtsklassen die ersten Europameisterschaften.
Schon neun Jahre später im Jahr 1965 war Judo
zur olympischen Disziplin der Männer geworden
und es wurden in 5 Gewichtsklassen erstmals Olympiasieger
gekürt. 1992 konnten dann auch, mittlerweile
in 7 Gewichtsklassen, Frauen olympisches Gold erringen